3. November 2020

Gestern Abend – das gemeinsame Nachtgebet der Mönche am Allerseelentag ist längst zu Ende, da kommen die Mitteilungen: Wie geht es euch? Seid ihr in Sicherheit? Jetzt fallen mir die Polizeisirenen auf und ich schalte den Fernseher ein. So nahe kann man am Ort des Geschehens sein und doch zunächst nichts mitbekommen. Wie nahe wir sind, zeigen uns die Bilder, von einer anderen Seite höre ich von Menschen, mit denen ich jetzt Kontakt habe: Der Vater eines Freundes ist schwer verletzt, schreibt der eine; der andere: Wir sitzen in einem Restaurant in der Nähe des Geschehens und die Polizei lässt uns nicht nach Hause; und ein Dritter: Ich war fünf Minuten, bevor geschossen wurde, am Schwedenplatz.

Dann die Sorgen der Bewohner des Schottenhofes und der Brüder im Konvent – auch auf Anraten der Polizei schließen wir die Tore; die Schule muss morgen ganz abgesagt werden.

Erst danach das Nachdenken: Nizza, Lyon, Wien – was macht den Terror, und was macht der Terror mit uns? Schuldzuweisungen gibt es genug im Netz und immer und immer wieder die Verwechslung von Islam und Islamismus, von religiösem Glauben und Fanatismus. Verbrecher müssen unschädlich gemacht werden, aber auch das Substrat, auf dem der Terror wächst.

Der folgende Tag: bedrückt, ruhig, aber wie ein Tag während der Exerzitien – das Gegenprogramm zum hektischen Charakter der Nachrichtenmeldungen. und immer wieder die entscheidende Frage: Haben Menschen des Friedens eine Chance? Der Prediger im heutigen Konventamt verbindet die Ereignisse der letzten Stunden mit dem Hymnus aus dem Philipperbrief, mit der Erniedrigung Christi nach dem Willen des Vaters. Darüber denke ich noch nach und freue mich über die Worte des Kardinals im Stephansdom: Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens!

Abt Johannes

weitere Beiträge