Der Weg des heiligen Benedikt: Bis heute sichtbar… (März 2025)

Am 21. März haben wir das Fest des Heimgangs des Hl. Benedikt gefeiert. Mich hat dabei besonders der letzte Vers von Psalm 1, der in der Liturgie als Antwortpsalm gesungen wurde, inspiriert: „Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.“

Wie viele Wege verlieren sich im Laufe der Zeit, enden irgendwie im Nichts. Selbst von den Einflussreichen und Mächtigen der Geschichte sind kaum mehr Spuren vorhanden. Umso erstaunlicher, dass der Weg des heiligen Benedikt noch heute deutlich sichtbar ist: nicht nur als historischer Streckenverlauf, sondern als ein Weg, der bis zu unseren eigenen Tagen begangen wird.

Psalm 1 stellt dem Weg der Gerechten den Weg der Frevler gegenüber. Als Eingangstor in den Psalter will er keine distanzierte Betrachtung über verschiedene Lebensarten sein. Vielmehr eine Einladung zur Entscheidung, ein Ruf zur bewussten Ausrichtung unseres Lebens auf Gott und seine Gerechtigkeit hin.

So stand auch der heilige Benedikt am Ende der Antike selbst an einem Scheideweg. In einer Zeit des gesellschaftlichen Zerfalls – möglicherweise einer historischen Epoche, die der unsrigen gar nicht so unähnlich ist – hat er sich als junger Mann bewusst aufgemacht, Gott zu suchen. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, sich selbst als Gerechten zu bezeichnen. Zu sehr wusste er um die eigene Gebrechlichkeit, wie insbesondere das Kapitel über den Abt verrät. Und doch können wir in ihm einen Menschen sehen, der den Weg des Gerechten auf überzeugende Weise gegangen ist.

Seine eigene Erfahrung lehrt Benedikt, dass ein Leben in Gemeinschaft Regeln braucht – wie ein Weg seine Markierungen. Den konkreten Regelungen steht nicht entgegen, dass der Umgang miteinander oft sehr – wie man heute sagen würde – „situationselastisch” gestaltet wird: mit einem guten Gespür für das rechte Maß und den richtigen Zeitpunkt. Mit einer realistischen Sicht auf die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen. Die Gerechtigkeit, die Benedikt vorschwebt, ist keine starre Überzeugung von dem, was richtig und was falsch ist, sondern geprägt von einem weiten Herzen und einer guten Menschenkenntnis. Letztlich von einem tiefen Glauben an die Barmherzigkeit Gottes.

Ein zentrales Element der benediktinischen Spiritualität ist die „stabilitas“. Als „stabilitas loci” konkretisiert sie sich in der Beständigkeit an einem Ort und in einer Gemeinschaft. Stabilität meint jedoch weit mehr als nur ein physisches Verweilen im Kloster – sie ist eine geistliche Haltung der Treue und Verwurzelung. In einer Welt, die von ständiger Veränderung geprägt ist, erinnert die stabilitas daran, dass sich wahres Wachstum nicht im ständigen Hin und Her ereignet, sondern in der Vertiefung und Hingabe an den Ort und die Lebensform, an den Gott mich gestellt hat bzw. für die ich mich im Hören auf den Ruf Gottes entschieden habe. Ein „stabiler“ Mensch ist nicht davon befreit, sich selbst immer wieder zu verändern. Er kann und muss reifen und sich weiterentwickeln – und kann hoffentlich auch durchhalten, wenn Zeiten der Trockenheit oder Zweifel kommen. Der Psalm 1 vergleicht ihn mit einem Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht trägt und dessen Blätter nicht welken. Durch die Beständigkeit gewinnt der Mensch Wurzeln und Tiefgang. Die „stabilitas“ ist die Gegenkraft dazu, dass sich sein Lebensweg nicht in der Beliebigkeit verliert. Die Wasser des geistlichen Lebens – der Stille, des Gebetes, des Studiums der Heiligen Schrift – geben ihm Kraft dazu.

Wir Mönche des Schottenstiftes haben im vergangenen Herbst die benediktinischen Ursprungsstätten besucht: Sacro Speco, die Höhle, in die sich Benedikt drei Jahre als Einsiedler zurückgezogen hat. Die Reste der ersten Klöster im Tal von Subiaco. Montecassino: Die gewaltige Abtei, für die Benedikt seine Lebensregel geschrieben hat.
Wir konnten einen starken Eindruck gewinnen von der großen Sehnsucht nach Gott, die Benedikt ein Leben lang umgetrieben hat.

In einer rastlosen Welt – das wurde uns beim Anblick dieser uralten Gebäude sehr bewusst – sind die Benediktinerklöster Orte, die Bestand haben, selbst wenn sie mehrfach zerstört und wiederaufgebaut wurden. Es sind Orte der Stille und des Gebets, der Gastfreundschaft und der Arbeit über Jahrhunderte hinweg. Als steinerne Zeugen stehen sie dafür, dass ein Leben in der Ordnung „unter der Führung des Evangeliums” Sinn und Halt gibt. Sie sind Gegenpole zu der Schnelllebigkeit und in gewisser Hinsicht auch Verlorenheit, die viele Menschen heute erfahren. Inmitten einer Gesellschaft, die von Freiheit, Unabhängigkeit, Erfolg träumt und oft genug genau das Gegenteil davon erlebt, bleiben diese Orte Zeichen der Ausrichtung auf Gott hin und damit auf einen Weg, der eben nicht sich selbst verliert, sondern Bestand hat.

Psalm 1 erinnert uns daran, dass Gott unsere Wege kennt. Wenn wir uns – bei all unserer menschlichen Schwäche – für den Weg der Nähe zu Gott entscheiden, sind wir darin nicht allein. Der Höchste selbst führt uns – selbst wenn der Weg manchmal steinig ist, wie der Aufstieg zu den alten Klöstern. Der heilige Benedikt ist auf seinem Weg der Gottsuche in Gemeinschaft treu geblieben: Seine Spur leuchtet bis heute.

Abt Nikolaus

 

 

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