Die Insignien des Abtes

Unmittelbar nach meiner Wahl am 25. Jänner 2021 wurde mir das für den neuen Abt vorbereitete goldene Pektorale umgelegt. Seit damals also bin ich durch das Brustkreuz als Abt der Klostergemeinschaft erkennbar. Das erste Pektorale stammte übrigens aus dem Fundus der Schottenabtei – ich kannte es bereits von Abt Bonifaz, jenem Abt, unter dem ich 1985 in das Schottenstift eingetreten bin.

Da es üblich ist, für den neuen Abt ein eigenes Pektorale anzufertigen, bat ich P. Augustinus, meinen Freund Jakob Rosenauer und die Juwelierin Therese Hirschbäck-List mir bei dessen Konzeption behilflich zu sein. Dazu auch noch bei der Gestaltung des Ringes, den ich ab der Abtbenediktion tragen würde. In den Ring sollte meinen Wahlspruch eingraviert werden: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch“. Dieses Wort des heiligen Irenäus von Lyon begleitet mich schon über Jahre. Es steht für mich als Kurzformel des Glaubens, dass Gott den Menschen nicht niederhalten, sondern zu einem Leben in Fülle führen will. Gerade in originellen und lebendigen Persönlichkeiten begegne ich immer wieder der Lebenskraft und Kreativität Gottes. Übrigens ist auf dem Ring auch noch die zweite – weniger bekannte – Hälfte des Irenäus-Zitates eingraviert: „das Leben des Menschen die Gottesschau“. Immer wieder denke ich darüber nach, was Irenäus damit gemeint haben könnte. Sicherlich eine ganz intensive Begegnung mit dem Schöpfer alles Lebendigen. Wie man heute sagen würde: „face to face”.

Das Kreuz sollte klarerweise stilistisch mit dem Ring übereinstimmen. Aufgrund meiner persönlichen Vorliebe für das Element Holz konzipierten wir eine mit Silber umrandete Holzform. Wir wählten Zwetschgenholz, das durch seine Dichte und durch seine Maserung besonders geeignet schien. In das Metall wurde der Abschluss des Psalms 27 eingraviert: „Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden. Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! und hoffe auf den HERRN!“ Das Wort „Hoffe“ steht dabei zentral herausgehoben am oberen Rand.

Der Abtstab wiederum hat seine ganz eigene Geschichte: Wenige Tage nach meiner Wahl zum Abt meldete sich ein früherer Ministrant, der zwischenzeitlich einige Jahre in Griechenland gelebt hat. Zu meiner großen Überraschung überreichte mir Frederik einen originalen Hirtenstab, wie ihn die Hirten auf Kreta benutzen, und erzählte mir dazu folgende Geschichte: In der Zeit, als er begeisterter Ministrant bei den Schotten war (ich leitete damals die Ministranten-Gruppe), hatten wir viele Gespräche mit Abt Heinrich. Dieser stand allem Prunk in der Kirche äußerst kritisch gegenüber und nahm sich diesbezüglich selten ein Blatt vor den Mund. In einer Ministrantenstunde meinte Abt Heinrich etwa, es sei doch wesentlich sinnenfälliger, anstelle eines barocken Pastorales einen echten Hirtenstab zu verwenden. Daran erinnerte sich Frederik, als er auf Kreta einem Händler begegnete, der Schafhirten mit geeigneten Stäben ausrüstete. Kurzerhand kaufte er ihm einen solchen Eichenholzstab ab – jetzt, nach vielen Jahren, wolle er ihn mir überreichen. Ich solle damit machen, was ich will, aber seiner Meinung nach würde der Stab gut zu mir passen …

Das war das schönste Geschenk zu meiner Abtwahl! Zum einen, weil ich mehr oder weniger alles liebe, was aus Holz ist. Zum anderen, weil ich von diesen und anderen Gedanken Abt Heinrichs ebenfalls stark geprägt bin. Für mich wird durch das schlichte Holz der Dienst des Abtes wesentlich anschaulicher sichtbar als durch einen noch so kunstvoll verzierten Metallstab. Mehrere Zitate der Heiligen Schrift und später die Benediktregel beschreiben ja die Aufgabe des Abtes als die eines Hirten und legen ihm damit die Sorge um eine lebendige Gemeinschaft ans Herz.

Allerdings hatte der mir von Frederik geschenkte Stab ein Problem: Er war zu kurz und hätte damit etwas seltsam ausgesehen. Zum Glück vertreiben selbst griechische Hirtenstabschnitzer heutzutage ihre Produkte über das Internet, auf diese Weise konnten wir also einen neuen, längeren bestellen.

Die Überraschung war groß, als wir das Paket öffneten: der neue Stab hatte nun zwar die passende Länge, die Krume mündete jedoch in einen geschnitzten, geradezu heidnisch aussehenden Schlangenkopf. Kann man einen solchen Stock als Abtstab verwenden? Sicher: es lassen sich gleich mehrere biblische und biografische Bezüge herstellen: etwa zu dem Stab, den Mose in der Wüste aufrichtete, um der Schlangenplage Herr zu werden. Oder zu dem irischen Nationalheiligen Patrick, von dem es heißt, dass er alle Schlangen von der Insel vertrieben habe. Trotzdem ist der Schlangenkopf zumindest etwas ungewöhnlich. So fragten wir per Mail beim Stabschnitzer an, welche Symbolik er damit zum Ausdruck bringen wollte. Die Antwort war ganz einfach: gar keine. Er meinte, es sähe einfach nett und lustig aus. Sonst nichts. Ehrlich gesagt gefällt mir auch diese symbolbefreite Deutung.

Wie auch immer: der Hirtenstab erinnert mich an meine Aufgabe, die Gemeinschaft zusammenhalten, auf gute Weide zu führen und mich dabei besonders um die Schwachen und Verletzten zu kümmern. Papst Franziskus hat dies übrigens in „Evangelii Gaudium“ sehr schön und eindringlich illustriert, indem er den Platz des Hirten in der Herde so bestimmt: „Er wird sich bisweilen an die Spitze stellen, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrecht zu erhalten, andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Gelegenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und – vor allem – weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden.“

Zur Mitra, die mir ebenfalls anlässlich der Abtbenediktion überreicht wurde, kann ich nicht allzu viel sagen. Ich habe dabei jenes Modell „von der Stange” gekauft, das mir am besten gefallen hat und das einigermaßen zu den Messgewändern passt, die im Schottenstift verwendet werden.

Abt Nikolaus Poch OSB

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