Nicht nur bei Kindern wird die Freude immer intensiver, je näher das Weihnachtsfest rückt. Auch die Liturgie kennt Elemente der Steigerung in der Erwartung des Erlösers. Dazu gehören die berühmten O-Antiphonen, die sieben Magnificat-Antiphonen in der Woche vor Weihnachten (17.-23. Dezember). Jesus wird unter sieben Titeln angerufen, die dem Messias im Alten Bund gegeben werden. Daran schließt sich jeweils eine flehentliche Bitte um sein Kommen an.
Die O-Antiphonen sind eine „wunderbare Schau“, in der sich verschiedene biblische Motive der Not und der Hoffnung auf Heil wiederfinden. In poetischen Worten bringen sie die große Sehnsucht des Gottesvolkes nach der Ankunft des Erlösers zum Klingen.
Hier ein kurzer meditativer Zugang zu diesen uralten Texten:
1. O Sapientia – O Weisheit
„O Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten, die du alles ordnest und mit Kraft und Milde lenkst: Komm und lehre uns den Weg der Klugheit.“
Stelle dir die Weisheit Gottes wie ein sanftes Licht vor, das dein Herz erhellt. Bitte um Einsicht, die größer ist als dein eigenes Verständnis. Lausche innerlich: Wo in deinem Leben wünschst du dir Gottes Weisheit, seine Kraft, Milde und Klugheit?
2. O Adonai – O Herr
„O Herr und Führer des Hauses Israel, der du Mose das Gesetz gegeben hast auf dem Berg Sinai: Komm und erlöse uns mit starkem Arm.“
Betrachte die Macht und Liebe Gottes, der in deiner Geschichte wirkt. Denke an Momente, in denen du die Gegenwart Gottes gespürt hast. Lade ihn ein, dich von allem zu befreien, was dich bindet.
3. O Radix Jesse – O Wurzel Jesse
„O Wurzel Jesse, gesetzt als Zeichen für die Völker, vor dir verstummen die Könige, dich flehen die Völker an: Komm und rette uns, erhebe uns, säume nicht länger.“
Das Bild eines Baumes mit tiefen Wurzeln: Christus ist die Wurzel, aus der neues Leben sprießt. Wo brauchst du in deinem Leben neue Hoffnung? Wo braucht die Welt neue Lebendigkeit? Was soll an Neuem wachsen können?
4. O Clavis David – O Schlüssel Davids
„O Schlüssel Davids und Zepter des Hauses Israel, du öffnest, und niemand schließt; du schließt, und niemand öffnet: Komm und führe die Gefangenen heraus aus dem Kerker.“
Christus als der Schlüssel, der verschlossene Türen öffnet – Türen zu Heilung, Freiheit, Versöhnung. Welche Türen in deinem Leben sind verschlossen? Wo wünschst du dir, dass Christus sie für dich öffnet?
5. O Oriens – O Morgenstern
„O Morgenstern, Glanz des ewigen Lichtes und Sonne der Gerechtigkeit: Komm und erleuchte, die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes.“
Christus, die aufgehende Sonne, die die Dunkelheit durchbricht. Die Wärme und das Licht Gottes, die jede Dunkelheit in deinem Herzen erhellen können. Was möchtest Du heute ganz bewusst in Gottes Licht stellen?
6. O Rex Gentium – O König der Völker
„O König der Völker, ihre Erwartung und Sehnsucht, du Eckstein, der alles eint: Komm und rette den Menschen, den du aus Erde gebildet hast.“
Christus, der Friedenskönig, der Einheit bringt. In einer Welt voller Gewalt, Krieg und Terror bitten wir um sein Kommen. Wo möchtest du selbst Versöhnung, Einheit und Heilung erfahren? Wo kannst du selbst den Menschen, von Gott aus Erde gebildet, Frieden bringen?
7. O Immanuel – Gott mit uns
„O Immanuel, unser König und Lehrer, du Hoffnung und Heiland der Völker: Komm, uns zu retten, Herr, unser Gott.“
Immanuel: “Gott mit uns”. Unsichtbar, unbegreiflich – und doch da. Nicht nur für mich, sondern als Heiland der Völker. Als König und Lehrer: Was bedeutet seine Botschaft für mein Leben? Wie könnte sie die Welt verändern?
So sollen uns die O-Antiphonen in den kommenden Tagen nicht nur durch ihre archaische Schönheit bewegen. Sondern jene tiefe Sehnsucht und Freude zum Klingen bringen, die jene erfüllt, die ihren Blick auf Gottes Weisheit richten und sein Kommen erwarten.
Abt Nikolaus