Ein Jahrhundertmann – Zum Tod von Hans Tuppy (MJ 38/IV)

Photo by: Joseph Krpelan (www.derknopfdruecker.com)

Hans Tuppy (MJ 38/IV) war ein wahrer „Jahrhundertmann“. Am 22. Juli hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert, am 24. April ist er verstorben. Sein beeindruckender Lebensweg spiegelt gleichsam die österreichische Zeitgeschichte. Sein Vater war Ankläger im Prozess gegen die Mörder von Bundeskanzler Engelbert Dollfuss – unmittelbar nach dem Anschluss wurde er verhaftet und im KZ ermordet. Die Liebe zu Österreich und die Absage an jede Form von Nationalismus und Diktatur waren für seinen Sohn Hans prägend.

Hans Tuppy, Erika Weinzierl, Kurt Schubert, Otto Mauer, Karl Strobl – das waren die herausragenden Ikonen in der Katholischen Hochschulgemeinde. Sie gründeten die Freie Österreichische Studentenschaft (FÖST) und waren liberal, weltoffen, fasziniert vom „Aggiornamento“ eines Johannes XXIII. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Liturgiereform, Dialog und Auseinandersetzung mit Sozialisten und Marxisten, Verwirklichung marktwirtschaftlicher Konzepte, „Wort und Wahrheit“ (mit Otto Schulmeister), gute Artikel in der „Furche“: überall wirkte, redete, motivierte und publizierte Hans Tuppy.

Der Politiker: Tuppy leitete für Bundeskanzler Josef Klaus den Arbeitskreis Wissenschaft im Zukunftsprojekt „Aktion 20“. 1987 bis 1989 war er Wissenschaftsminister. Sein unverwechselbares Stimmtimbre stach aus der üblichen politischen Kakophonie heraus; sein phänomenales Gedächtnis beeindruckte uns alle. Er war verantwortlich, dass an den Universitäten auch in anderen Sprachen gelehrt werden darf. Nie beteiligte er sich an den üblichen Schlammschlachten der Innenpolitik. Achtung und Respekt waren ihm sicher von all jenen, denen an Forschung, Wissenschaft und freier Lehre etwas liegt. Aber natürlich bleibt man mit solchen Qualitäten meist ohne politische Hausmacht.

Am wichtigsten aber war seine herausragende wissenschaftliche Bedeutung. Hans Tuppy erhielt auf Empfehlung von Nobelpreisträger Max Perutz ein Forschungsstipendium in Cambridge; mit 32 habilitiert, baute er an der Universität Wien das Institut für Biochemie auf. Ein wunderbarer Hochschullehrer – sieben seiner Studenten konnten sich später habilitieren und begannen herausragende akademische und industrielle Karrieren. Einer wurde Forschungschef von Hoffmann-La Roche und Vorsitzender der Schweizer Forschungsgesellschaft. Ohne ihn gäbe es die Erfolgsgeschichte der österreichischen Pharmaindustrie nicht. Die Großinvestition der Familie Boehringer mit vielen Hunderten Milliarden Euro in Wien wirkt bis heute nach. „Mit Ihnen können wir das machen“ – und so leitete er jahrelang deren Arzneimittelforschung. Zudem war er Dekan und Rektor der Universität Wien, Präsident der Akademie der Wissenschaften und des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) von 1974 bis 1982, dessen Internationalisierung auf ihn zurückgeht. Herausragend seine Arbeiten an der Insulinsequenzierung der Kette B, für die Tuppy zum Nobelpreis für Chemie nominiert wurde. Sein Kollege Fred Sanger erhielt für die Arbeit an der Kette A den Nobelpreis 1958 …

Mögest Du in Frieden ruhen, Du Vorbild für alle Schotten!

Wolfgang Schüssel (MJ 63)

Der Autor war von 2000 bis 2007 österreichischer Bundeskanzler.

 

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