Unter den Bibelstellen der Tage rund um Weihnachten rührt mich der Stammbaum Jesu besonders an. Mit diesem sperrigen Text eröffnet der Evangelist Matthäus sein Evangelium. So beginnt die frohe Botschaft von Jesus Christus mit einer starken Aussage: Die Geschichte, in die Gott eintritt, ist eine zutiefst menschliche Geschichte – geprägt von Schuld und Versagen, von Brüchen und dunklen Kapiteln, aber auch von Hoffnung und neuem Anfang.
Vier Frauen werden im Stammbaum Jesu genannt: Tamar, Rahab, Rut und Batseba (als „die Frau des Urija“). Diese Nennungen sind ungewöhnlich, da genealogische Listen in der jüdischen Tradition typischerweise nur Männer enthalten. Ihre Auswahl ist kein Zufall, sondern hat theologische und symbolische Bedeutung. Alle vier Frauen waren mit Situationen konfrontiert, die moralisch oder gesellschaftlich fragwürdig erschienen. Dennoch wählte Gott sie als Teil seines Heilsplans. Tamar, Rahab und Rut waren zudem entweder selbst Heiden oder mit ihnen verbunden. Matthäus macht damit deutlich, dass das Heil in Jesus Christus auch für Nicht-Juden offen ist.
Was gleich zu Beginn des Evangeliums sichtbar wird: Gott schreibt seine Geschichte mit unvollkommenen und unkonventionellen Personen, denn mit den genannten Männern steht es nicht anders: Weder Abraham noch Isaak noch Jakob sind Idealgestalten; David ist es nicht, und Salomon ist es nicht. Dann noch so düstere Herrscher wie Ahas und Manasse, an deren Thron das Blut von unschuldig Getöteten klebt. Es ist eine dunkle Geschichte, auf die Jesus zugeht: nicht ohne Licht, nicht ohne Hoffnungen und Aufstiege, aber in allem eine Geschichte der Armseligkeiten, der Schuld, des Versagens.
Gerade darin liegt das Geheimnis von Weihnachten. Gott wartet nicht, bis die Geschichte makellos geworden ist. Er tritt ein in das Unvollkommene, in das Verwundete, in das Armselige. Die Menschwerdung Gottes ist kein Lohn für menschlichen Fortschritt und keine Krönung moralischer Höchstleistungen. Sie ist der freie, liebende Abstieg Gottes zu uns.
Der Versuch des Menschen, sich selbst zu erlösen, sich über andere zu erheben oder aus eigener Kraft „göttlich“ zu werden, endete in der Geschichte immer wieder in Enttäuschung und Zerstörung. Weihnachten setzt einen anderen Akzent: In der Krippe liegt kein Übermensch, sondern ein Kind. Ein Gott, der sich klein macht. Ein Gott, der unsere Geschichte teilt.
So wird Weihnachten zur Einladung, unsere eigene Geschichte – mit ihrem Licht und Schatten – Gott anzuvertrauen. Gott wartet nicht auf moralische Perfektion – er kommt zu uns in die Brüche unseres Lebens, mit unserem Versagen, mit unseren müde gewordenen Hoffnungen.
Ich wünsche Ihnen zum heurigen Weihnachtsfest die lichtvolle Erfahrung, dass Gott in Christus auch Ihr Leben mit all seinen Dunkelheiten und Brüchen angenommen hat!
Frohe und gesegnete Weihnachten,
Abt Nikolaus