Geistliche Lesung (lectio divina)

I.

Man kann sagen, dass sich in den letzten Jahrzehnten auch in den katholischen Gemeinden das Wissen um die Notwendigkeit verstärkt hat, die Quellen der Heiligen Schrift für alle zu erschließen. Vielfach sind Bibelrunden entstanden, man liest ganze Bücher der Bibel und tauscht sich darüber aus; in jüngerer Zeit ist das „Bibel-Teilen“ beliebt geworden, eine Methode, in der eine Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Abschnitt der Bibel sich spontan über einzelne Sätze austauscht, durch die sich die Teilnehmer besonders angesprochen fühlen.

Die monastische Tradition der lectio divina geht einen etwas anderen Weg und folgt dabei dem Ratschlag der Benediktusregel: „…heilige Schriften gerne hören…“ (RB 4,55) und der Anordnung „… die Brüder sollen … zu bestimmten Stunden mit heiliger Lesung beschäftigt sein.“ (RB 48,1)

Kapitel 73 derselben Regel bringt zur Sprache, was gelesen werden soll: In erster Linie ist es die Heilige Schrift („Ist denn nicht jede Seite oder jedes von Gott beglaubigte Wort des Alten und Neuen Testamentes eine verlässliche Wegweisung für das menschliche Leben?“; RB 73,3), dann aber auch die Schriften der Kirchenväter und weitere Grundtexte des monastischen Lebens (vgl. RB 73, 4-6).

Insbesondere die Bibel muss der Mönch kennen und vielfach auswendig können. Ihre Aneignung erfolgt nun in der Geistlichen Lesung in verschiedenen Schritten.

Der erste wird im engeren Sinn lectio genannt, das aufmerksame Lesen eines Schrifttextes, der nicht zu lange ist, nicht so sehr, um eine story zu erfassen, sondern im Bewusstsein, dass im Gelesenen eine Wahrheit zu finden ist, die Gott um des Heiles des Menschen willen aufgezeichnet haben wollte (vgl. Dei Verbum, Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die göttliche Offenbarung, Nr. 11).

Der aufmerksame Leser begegnet im gewählten Abschnitt nicht einfachhin Gottes Wort, sondern Gott selbst, der sich im vom Menschen geformten Wort offenbart mit dem Ziel, sich dem Menschen mitzuteilen. Für den Leser bedeutet dies eine bestimmte Ehrfurcht für den Text und das Interesse, daraus wirklich etwas von Gott zu erfahren, was ihm gilt. Daraus folgt ein langsames Lesen (das in manchen Traditionen schon mit dem bedächtigen Öffnen des Buches beginnt), das offen ist für das, was Gott sagen will. An der einen oder anderen Formulierung wird man „hängen bleiben“, weil sie besonders ansprechend ist oder auch weil sie Schwierigkeiten bereitet. Diesen Sätzen wendet sich der geistlich Lesende in einem zweiten Schritt zu, der „Meditation“ (meditatio).

II.

Der Text, den sich der Leser in der lectio erschlossen hat, wird nicht in jeder Zeile gleich intensiv erfahren werden; was besonders aufgefallen ist, vielleicht ein Satz nur oder eine Wendung, kann nun vertieft werden. Das Meditieren ist zunächst ein technischer Vorgang und meint das häufige Wiederholen dieser Wendung, ein „Murmeln“ (so die wörtliche Übersetzung des entsprechenden hebräischen Wortes), man lernt den Text auswendig, wiederholt ihn, lässt ihn also von „außen“ nach „innen“, in die Mitte dringen, macht ihn zu seinem eigenen Text. Geistlich gesprochen, erlaubt man dem Wort Gottes und damit ihm selbst, das Innere des Menschen zu erfüllen, gewissermaßen Wohnung zu nehmen in sich selbst, sich „einzurichten“ im Menschenhaus.

Neben dieser sehr alten Methode zur Meditation haben Anregungen aus dem Bereich des Zen-Buddhismus unter anderem dazu geführt, den Vorgang des Meditierens durch Körperhaltung und Atmung zu unterstützen; vereinfacht gesagt, die Aufnahme des äußerlichen Impulses (Wort, Musik, Bild, Gegenstand u.s.w.) durch ein innerliches „Leer-Werden“ zu unterstützen. Dabei befindet man sich in einer entspannten Haltung, achtet vor allem auf das Ausatmen und öffnet sich dem Neuen. Man könnte auch bar jeden „Gegenstandes“ meditieren; dann richtet sich die Aufmerksamkeit unter anderem auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers oder einer bestimmten Befindlichkeit, die sonst unbewusst wirkt.

Natürlich braucht dieser Vorgang seine Zeit und lässt sich nicht in wenigen Minuten erledigen. Wer nach etwa einer halben Stunde des Meditierens wieder „auftaucht“, erfährt sich zumeist tief beschenkt ­– im Fall der geistlichen Lesung durch das Wort, das er verinnerlicht hat.

III.

Die Empfindung, durch Gott und sein Wort beschenkt worden zu sein, drängt geradezu zum Gebet – so löst die Heilige Schrift einen Dialog des Lesenden mit ihrem Urheber aus. Man kann Gott danken für seine Offenheit uns gegenüber, für den direkten Anspruch, den sein Wort an uns stellt, dafür dass er uns erwählt hat, Menschen zu sein, die sein Ebenbild sind.

und es ist auch gut, im Gebet nach dem Willen Gottes zu fragen. „Was, Herr, ist dein Plan für mich? Wozu sendest du mich – in meinen konkreten Lebensumständen, als jungen Menschen, als Verheirateten oder Alleinstehenden, als Mutter oder Vater, als Ordenschristen?“

Dies führt zum letzten Schritt nach dem Lesen, Meditiern und dem Beten: dem Tun, der actio. Der im Wort Gottes ruhende Mensch erfährt, dass ihn das Eins-Sein mit ihm zum Handeln drängt. Dies ist dann keine hektische Aktivität, sondern beharrliches und der eigenen Berufung entsprechendes Mitarbeiten an Gottes Plan für die Welt und den Menschen.

 

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