Predigt zum zweiten Festgottesdienst 750 Jahre Schottenpfarre

Liebe Gemeinde,
Zu völlig unchristlicher Zeit – um 03.20 Uhr in der Früh – klingelte in der Nacht nach dem Festgottesdienst des Vorjahres mein Handy. Was das zu bedeuten hatte, war mir sofort klar: In 20 Minuten kommen 50 Flüchtlinge vom Westbahnhof in die Schottenpfarre – so war es ausgemacht. Dann musste alles sehr schnell gehen: Wie vereinbart läutete ich zwei Freunde aus dem Bett. Sie kamen gerade rechtzeitig, als der Bus auf der Freyung eintraf. Den Anblick der übermüdeten und entkräfteten Menschen, die dieser Sonderfahrt der Wiener Linien entstiegen, werde ich nie vergessen. In Decken gehüllt, viele von ihnen ohne Schuhe, meist ohne Gepäck. Sofort sanken sie auf die im Schottensaal und im Benediktsaal vorbereiten Matratzen und schliefen bis weit in den nächsten Tag hinein. Ursprünglich hatte es geheißen, die Flüchtlinge würden nur eine Nacht bei uns verbringen. Da aber Deutschland die Grenzen geschlossen hatte, wurden daraus einige Tage. Eine herausfordernde Zeit für sie und für uns.
Wir hätten nicht gedacht, dass das Jahresmotto „Caritas im Zentrum“ so schnell bei uns Einzug halten würde – im wahrsten Sinn des Wortes. Dennoch möchte ich diese Zeit nicht unter dem Stichwort Caritas erzählen. Noch mehr ist mir in Erinnerung geblieben, was Gemeinschaft bedeutet. Bei aller Hektik und Unvollkommenheit waren diese Tage für mich eine Zeit, wie ich sie als Pfarrer zuvor noch nie erlebt hatte. Es war wirklich unglaublich, wer aller in diesen Tagen seine Hilfe anbot. Einerseits die üblichen Verdächtigen aus den verschiedenen Gruppen der Pfarre. Zu unserer großen Überraschung und Freude wurden diese Tage darüber hinaus aber zu einer Zeit der Begegnung mit vielen, die wir schon lange nicht mehr gesehen hatten. Die Pfadfinder etwa richteten einen eigenen Mailverteiler ein, mit dem sie ihre Ehemaligen erreichen konnten. Mütter von Schülerinnen unseres Gymnasiums. Anrainer aus dem Schottenhof. Bekannte und Unbekannte brachten Kleidung, Geldspenden oder ihr altes Handy. Die Klosterküche steuerte das Essen bei. Zusammen gelang es uns, den Gestrandeten wenigstens für ein paar Tage ein Dach über dem Kopf zu geben und ihnen Mut und Hoffnung zu machen.
Als Pfarre brachte uns diese Aktion auf eine neue Weise zusammen. Daran möchte ich heute erinnern, wenn wir unter dem Motto „Gemeinschaft im Zentrum“ in ein neues Jubiläumsjahr starten. Natürlich war es eine Sondersituation und nicht die Standardaufgabe der Pfarre, ein mobiles Notquartier auf die Beine zu stellen. Aber abgesehen davon, dass Flüchtlingsbetreuung vermutlich auch noch die kommenden Jahre eine Herausforderung für die Gesellschaft und auch für uns als Kirche darstellt, wird an diesem Beispiel sichtbar, was eine Pfarre bewegen kann, wenn alle an einem Strang ziehen.
Dass mittlerweile die Stimmung in der Gesellschaft gekippt ist, empfinde ich als traurig und tragisch. In einem Interview vor wenigen Tagen bekannte der Asylkoordinator der Caritas, dass in dieser Frage ein Riss durch fast alle Pfarren und durch viele Familien gegangen sei. Nicht wenige Freundschaften seien an dieser Frage zerbrochen.
Ich weiß nicht, ob das bei uns auch so ist. Einigen Unmut habe ich schon mitbekommen. und manches ist ja tatsächlich nicht so einfach. Sollen wir uns als Schottenpfarre weiter diesem Thema stellen, selbst wenn es einen Riss in unsere Gemeinschaft trägt? Oder sollten wir uns dieser Frage besser auf vornehme Schottenweise enthalten? Haben wir nicht schon genug Risse in unserer Gemeinde? In den letzten Monaten gab es einige Bruchlinien, die intern die Wogen hochgehen ließen, und an denen verschiedene Vorstellungen aufeinander prallten.

Was mir immer deutlicher wird: wir sind nicht eine Gemeinschaft um der Gemeinschaft willen. Natürlich ist es anzustreben, dass wir uns gut verstehen, dass möglichst viele sich bei uns wohlfühlen, dass die interne Kommunikation klappt etc. Im letzten aber haben wir als Kirche Jesu Christi einen Auftrag, und zwar einen gemeinsamen. Diesen gilt es heraus zu hören. und dann kommt es darauf an, dass Menschen sagen: Hier bin ich. Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ich bin bereit, mitzudenken und mitzuarbeiten.
Ich sage das ganz bewusst bereits im Hinblick auf die kommenden Pfarrgemeinderatswahlen im März, die unter dem Motto stehen: Ich bin da. Für.
So gehen wir mit dem heutigen Tag in ein neues Jubiläumsjahr. 750 Jahre gibt es uns schon als Schottenpfarre, und damit als benediktinisch geprägte Gemeinschaft in enger Verbindung zum Schottenkloster. Genauer gesagt: Als Gemeinschaft von Gemeinschaften. Als Familie von Familien.
Unsere Zusammengehörigkeit zu stärken sehe ich als die große Aufgabe dieses Jahres. Nicht nur, damit sich möglichst viele bei uns wohlfühlen. Vielmehr um den Auftrag umsetzen zu können, den Jesus seinen Jüngern mitgibt und den wir in der Taufe empfangen haben: gemeinsam das Reich Gottes, die verborgene Gegenwart Gottes in unserer Welt, zu entdecken und an seiner Ausbreitung mitzuwirken. Hier mitten in Wien. Damit in allem Gott verherrlicht werde. Amen.