Geistliche Impulse aus dem Schottenstift
Frohe und gesegnete Weihnachten! (Dezember 2025)
Unter den Bibelstellen der Tage rund um Weihnachten rührt mich der Stammbaum Jesu besonders an. Mit diesem sperrigen Text eröffnet der Evangelist Matthäus sein Evangelium. So beginnt die frohe Botschaft von Jesus Christus mit einer starken Aussage: Die Geschichte, in die Gott eintritt, ist eine zutiefst menschliche Geschichte – geprägt von Schuld und Versagen, von Brüchen und dunklen Kapiteln, aber auch von Hoffnung und neuem Anfang.
Vier Frauen werden im Stammbaum Jesu genannt: Tamar, Rahab, Rut und Batseba (als „die Frau des Urija“). Diese Nennungen sind ungewöhnlich, da genealogische Listen in der jüdischen Tradition typischerweise nur Männer enthalten. Ihre Auswahl ist kein Zufall, sondern hat theologische und symbolische Bedeutung. Alle vier Frauen waren mit Situationen konfrontiert, die moralisch oder gesellschaftlich fragwürdig erschienen. Dennoch wählte Gott sie als Teil seines Heilsplans. Tamar, Rahab und Rut waren zudem entweder selbst Heiden oder mit ihnen verbunden. Matthäus macht damit deutlich, dass das Heil in Jesus Christus auch für Nicht-Juden offen ist.
Was gleich zu Beginn des Evangeliums sichtbar wird: Gott schreibt seine Geschichte mit unvollkommenen und unkonventionellen Personen, denn mit den genannten Männern steht es nicht anders: Weder Abraham noch Isaak noch Jakob sind Idealgestalten; David ist es nicht, und Salomon ist es nicht. Dann noch so düstere Herrscher wie Ahas und Manasse, an deren Thron das Blut von unschuldig Getöteten klebt. Es ist eine dunkle Geschichte, auf die Jesus zugeht: nicht ohne Licht, nicht ohne Hoffnungen und Aufstiege, aber in allem eine Geschichte der Armseligkeiten, der Schuld, des Versagens.
Gerade darin liegt das Geheimnis von Weihnachten. Gott wartet nicht, bis die Geschichte makellos geworden ist. Er tritt ein in das Unvollkommene, in das Verwundete, in das Armselige. Die Menschwerdung Gottes ist kein Lohn für menschlichen Fortschritt und keine Krönung moralischer Höchstleistungen. Sie ist der freie, liebende Abstieg Gottes zu uns.
Der Versuch des Menschen, sich selbst zu erlösen, sich über andere zu erheben oder aus eigener Kraft „göttlich“ zu werden, endete in der Geschichte immer wieder in Enttäuschung und Zerstörung. Weihnachten setzt einen anderen Akzent: In der Krippe liegt kein Übermensch, sondern ein Kind. Ein Gott, der sich klein macht. Ein Gott, der unsere Geschichte teilt.
So wird Weihnachten zur Einladung, unsere eigene Geschichte – mit ihrem Licht und Schatten – Gott anzuvertrauen. Gott wartet nicht auf moralische Perfektion – er kommt zu uns in die Brüche unseres Lebens, mit unserem Versagen, mit unseren müde gewordenen Hoffnungen.
Ich wünsche Ihnen zum heurigen Weihnachtsfest die lichtvolle Erfahrung, dass Gott in Christus auch Ihr Leben mit all seinen Dunkelheiten und Brüchen angenommen hat!
Frohe und gesegnete Weihnachten,
Abt Nikolaus
Zwischen Ostern und Pfingsten (April 2025)
„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“
Diese eindringliche Frage, die den Frauen am leeren Grab Jesu gestellt wurde, hallt bis heute wider. Sie rüttelt uns auf und offenbart unsere Schwierigkeit, die Auferstehung wirklich zu erfassen. Die Frauen suchten Jesus mit Salben und Trauer am Ort des Endes. Doch Ostern befreit uns aus diesen Gräbern. Jesus ist nicht dort – er lebt! Das bedeutet eine grundlegende Veränderung unseres Blickwinkels. Wir finden Jesus nicht in der Vergangenheit oder in leeren Ritualen, sondern mitten im Leben.
Den Lebenden suchen – das heißt, Christus dort zu entdecken, wo Menschen im Geiste Jesu handeln, sich von seinem Wort inspirieren lassen und in Gemeinschaft wirken. Dort schreitet er in seiner Kirche als Pilger der Hoffnung durch die Zeit.
Konkret begegnet uns der auferstandene Christus:
- in geteilter Liebe: Im Zuhören, Vergeben und Aufrichten.
- im Engagement für andere: Im Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Würde, wie beispielsweise in der Pfarrcaritas der Schottenpfarre.
- im Alltag: In einem Lächeln, einem Gespräch, einem unerwarteten Moment der Hoffnung.
- im Hören und Handeln nach seinem Wort: Nicht nur erinnern, sondern das Heute im Sinne Jesu gestalten.
Jesus begegnet uns oft unerwartet, in unscheinbaren Menschen oder sogar in uns selbst, wenn wir den Mut zur Veränderung und zur Liebe finden.
Die Frage „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ ist eine Einladung, die Gräber der Angst, der Resignation und des Stillstands hinter uns zu lassen. Sie ist ein Ruf zurück ins volle Leben – mit Christus an unserer Seite. Denn Ostern bedeutet nicht nur die Auferstehung Jesu, sondern auch unser eigenes Aufstehen zu einem neuen Leben mit ihm und für andere.
Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.
Abt Nikolaus
Der Weg des heiligen Benedikt: Bis heute sichtbar… (März 2025)
Am 21. März haben wir das Fest des Heimgangs des Hl. Benedikt gefeiert. Mich hat dabei besonders der letzte Vers von Psalm 1, der in der Liturgie als Antwortpsalm gesungen wurde, inspiriert: „Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.“
Wie viele Wege verlieren sich im Laufe der Zeit, enden irgendwie im Nichts. Selbst von den Einflussreichen und Mächtigen der Geschichte sind kaum mehr Spuren vorhanden. Umso erstaunlicher, dass der Weg des heiligen Benedikt noch heute deutlich sichtbar ist: nicht nur als historischer Streckenverlauf, sondern als ein Weg, der bis zu unseren eigenen Tagen begangen wird.
Psalm 1 stellt dem Weg der Gerechten den Weg der Frevler gegenüber. Als Eingangstor in den Psalter will er keine distanzierte Betrachtung über verschiedene Lebensarten sein. Vielmehr eine Einladung zur Entscheidung, ein Ruf zur bewussten Ausrichtung unseres Lebens auf Gott und seine Gerechtigkeit hin.
So stand auch der heilige Benedikt am Ende der Antike selbst an einem Scheideweg. In einer Zeit des gesellschaftlichen Zerfalls – möglicherweise einer historischen Epoche, die der unsrigen gar nicht so unähnlich ist – hat er sich als junger Mann bewusst aufgemacht, Gott zu suchen. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, sich selbst als Gerechten zu bezeichnen. Zu sehr wusste er um die eigene Gebrechlichkeit, wie insbesondere das Kapitel über den Abt verrät. Und doch können wir in ihm einen Menschen sehen, der den Weg des Gerechten auf überzeugende Weise gegangen ist.
Seine eigene Erfahrung lehrt Benedikt, dass ein Leben in Gemeinschaft Regeln braucht – wie ein Weg seine Markierungen. Den konkreten Regelungen steht nicht entgegen, dass der Umgang miteinander oft sehr – wie man heute sagen würde – „situationselastisch” gestaltet wird: mit einem guten Gespür für das rechte Maß und den richtigen Zeitpunkt. Mit einer realistischen Sicht auf die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen. Die Gerechtigkeit, die Benedikt vorschwebt, ist keine starre Überzeugung von dem, was richtig und was falsch ist, sondern geprägt von einem weiten Herzen und einer guten Menschenkenntnis. Letztlich von einem tiefen Glauben an die Barmherzigkeit Gottes.
Ein zentrales Element der benediktinischen Spiritualität ist die „stabilitas“. Als „stabilitas loci” konkretisiert sie sich in der Beständigkeit an einem Ort und in einer Gemeinschaft. Stabilität meint jedoch weit mehr als nur ein physisches Verweilen im Kloster – sie ist eine geistliche Haltung der Treue und Verwurzelung. In einer Welt, die von ständiger Veränderung geprägt ist, erinnert die stabilitas daran, dass sich wahres Wachstum nicht im ständigen Hin und Her ereignet, sondern in der Vertiefung und Hingabe an den Ort und die Lebensform, an den Gott mich gestellt hat bzw. für die ich mich im Hören auf den Ruf Gottes entschieden habe. Ein „stabiler“ Mensch ist nicht davon befreit, sich selbst immer wieder zu verändern. Er kann und muss reifen und sich weiterentwickeln – und kann hoffentlich auch durchhalten, wenn Zeiten der Trockenheit oder Zweifel kommen. Der Psalm 1 vergleicht ihn mit einem Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht trägt und dessen Blätter nicht welken. Durch die Beständigkeit gewinnt der Mensch Wurzeln und Tiefgang. Die „stabilitas“ ist die Gegenkraft dazu, dass sich sein Lebensweg nicht in der Beliebigkeit verliert. Die Wasser des geistlichen Lebens – der Stille, des Gebetes, des Studiums der Heiligen Schrift – geben ihm Kraft dazu.
Wir Mönche des Schottenstiftes haben im vergangenen Herbst die benediktinischen Ursprungsstätten besucht: Sacro Speco, die Höhle, in die sich Benedikt drei Jahre als Einsiedler zurückgezogen hat. Die Reste der ersten Klöster im Tal von Subiaco. Montecassino: Die gewaltige Abtei, für die Benedikt seine Lebensregel geschrieben hat.
Wir konnten einen starken Eindruck gewinnen von der großen Sehnsucht nach Gott, die Benedikt ein Leben lang umgetrieben hat.
In einer rastlosen Welt – das wurde uns beim Anblick dieser uralten Gebäude sehr bewusst – sind die Benediktinerklöster Orte, die Bestand haben, selbst wenn sie mehrfach zerstört und wiederaufgebaut wurden. Es sind Orte der Stille und des Gebets, der Gastfreundschaft und der Arbeit über Jahrhunderte hinweg. Als steinerne Zeugen stehen sie dafür, dass ein Leben in der Ordnung „unter der Führung des Evangeliums” Sinn und Halt gibt. Sie sind Gegenpole zu der Schnelllebigkeit und in gewisser Hinsicht auch Verlorenheit, die viele Menschen heute erfahren. Inmitten einer Gesellschaft, die von Freiheit, Unabhängigkeit, Erfolg träumt und oft genug genau das Gegenteil davon erlebt, bleiben diese Orte Zeichen der Ausrichtung auf Gott hin und damit auf einen Weg, der eben nicht sich selbst verliert, sondern Bestand hat.
Psalm 1 erinnert uns daran, dass Gott unsere Wege kennt. Wenn wir uns – bei all unserer menschlichen Schwäche – für den Weg der Nähe zu Gott entscheiden, sind wir darin nicht allein. Der Höchste selbst führt uns – selbst wenn der Weg manchmal steinig ist, wie der Aufstieg zu den alten Klöstern. Der heilige Benedikt ist auf seinem Weg der Gottsuche in Gemeinschaft treu geblieben: Seine Spur leuchtet bis heute.
Abt Nikolaus
Die sieben Magnificat-Antiphonen in der Woche vor Weihnachten (Dezember 2024)
Nicht nur bei Kindern wird die Freude immer intensiver, je näher das Weihnachtsfest rückt. Auch die Liturgie kennt Elemente der Steigerung in der Erwartung des Erlösers. Dazu gehören die berühmten O-Antiphonen, die sieben Magnificat-Antiphonen in der Woche vor Weihnachten (17.-23. Dezember). Jesus wird unter sieben Titeln angerufen, die dem Messias im Alten Bund gegeben werden. Daran schließt sich jeweils eine flehentliche Bitte um sein Kommen an.
Die O-Antiphonen sind eine „wunderbare Schau“, in der sich verschiedene biblische Motive der Not und der Hoffnung auf Heil wiederfinden. In poetischen Worten bringen sie die große Sehnsucht des Gottesvolkes nach der Ankunft des Erlösers zum Klingen.
Hier ein kurzer meditativer Zugang zu diesen uralten Texten:
1. O Sapientia – O Weisheit
„O Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten, die du alles ordnest und mit Kraft und Milde lenkst: Komm und lehre uns den Weg der Klugheit.“
Stelle dir die Weisheit Gottes wie ein sanftes Licht vor, das dein Herz erhellt. Bitte um Einsicht, die größer ist als dein eigenes Verständnis. Lausche innerlich: Wo in deinem Leben wünschst du dir Gottes Weisheit, seine Kraft, Milde und Klugheit?
2. O Adonai – O Herr
„O Herr und Führer des Hauses Israel, der du Mose das Gesetz gegeben hast auf dem Berg Sinai: Komm und erlöse uns mit starkem Arm.“
Betrachte die Macht und Liebe Gottes, der in deiner Geschichte wirkt. Denke an Momente, in denen du die Gegenwart Gottes gespürt hast. Lade ihn ein, dich von allem zu befreien, was dich bindet.
3. O Radix Jesse – O Wurzel Jesse
„O Wurzel Jesse, gesetzt als Zeichen für die Völker, vor dir verstummen die Könige, dich flehen die Völker an: Komm und rette uns, erhebe uns, säume nicht länger.“
Das Bild eines Baumes mit tiefen Wurzeln: Christus ist die Wurzel, aus der neues Leben sprießt. Wo brauchst du in deinem Leben neue Hoffnung? Wo braucht die Welt neue Lebendigkeit? Was soll an Neuem wachsen können?
4. O Clavis David – O Schlüssel Davids
„O Schlüssel Davids und Zepter des Hauses Israel, du öffnest, und niemand schließt; du schließt, und niemand öffnet: Komm und führe die Gefangenen heraus aus dem Kerker.“
Christus als der Schlüssel, der verschlossene Türen öffnet – Türen zu Heilung, Freiheit, Versöhnung. Welche Türen in deinem Leben sind verschlossen? Wo wünschst du dir, dass Christus sie für dich öffnet?
5. O Oriens – O Morgenstern
„O Morgenstern, Glanz des ewigen Lichtes und Sonne der Gerechtigkeit: Komm und erleuchte, die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes.“
Christus, die aufgehende Sonne, die die Dunkelheit durchbricht. Die Wärme und das Licht Gottes, die jede Dunkelheit in deinem Herzen erhellen können. Was möchtest Du heute ganz bewusst in Gottes Licht stellen?
6. O Rex Gentium – O König der Völker
„O König der Völker, ihre Erwartung und Sehnsucht, du Eckstein, der alles eint: Komm und rette den Menschen, den du aus Erde gebildet hast.“
Christus, der Friedenskönig, der Einheit bringt. In einer Welt voller Gewalt, Krieg und Terror bitten wir um sein Kommen. Wo möchtest du selbst Versöhnung, Einheit und Heilung erfahren? Wo kannst du selbst den Menschen, von Gott aus Erde gebildet, Frieden bringen?
7. O Immanuel – Gott mit uns
„O Immanuel, unser König und Lehrer, du Hoffnung und Heiland der Völker: Komm, uns zu retten, Herr, unser Gott.“
Immanuel: “Gott mit uns”. Unsichtbar, unbegreiflich – und doch da. Nicht nur für mich, sondern als Heiland der Völker. Als König und Lehrer: Was bedeutet seine Botschaft für mein Leben? Wie könnte sie die Welt verändern?
So sollen uns die O-Antiphonen in den kommenden Tagen nicht nur durch ihre archaische Schönheit bewegen. Sondern jene tiefe Sehnsucht und Freude zum Klingen bringen, die jene erfüllt, die ihren Blick auf Gottes Weisheit richten und sein Kommen erwarten.
Abt Nikolaus
Der Friede beginnt im eigenen Haus! (September 2024)
Die Tage vom 6. bis zum 20. September 2024 verbrachte ich auf dem alle vier Jahre stattfindenden Kongress der Benediktineräbte in Rom. Es war überaus interessant und bereichernd, in Sant’ Anselmo auf dem Aventin mit Mönchen aus aller Welt zusammenzukommen und sich über Chancen und Herausforderungen der Klöster in unserer Zeit auszutauschen. Höhepunkt war die Wahl eines neuen Abtprimas. Mit Jeremias Schröder wurde ein Abt gewählt, der als Leiter der kleinen benediktinischen Gemeinschaft vom Georgenberg in Tirol auch mit Österreich eng verbunden ist.
Ein durchgehendes, offizielles Thema gab es auf dieser Konferenz nicht, aber die Themen Krieg und Frieden waren allgegenwärtig. Wir hörten Zeugnisse von betroffenen Gemeinschaften in der vom Krieg zerrissenen Ukraine, aus dem Heiligen Land und aus Burkina Faso. Bei unserer Begegnung mit Papst Franziskus sagte er wiederholt: „Krieg ist eine Niederlage.“ Und er gab uns Benediktinern mit: „Frieden ist euer Ding. Aber fangt bei euch selbst an.“
Diesen Satz möchte ich an Sie/Euch als Leser:in unserer Webseite weitergeben: Friede darf kein leeres Wort bleiben. In der Schlussbotschaft des Äbtekongresses heißt es: „Das kommende Heilige Jahr ist eine Gelegenheit, uns auf unseren eigenen Frieden zu konzentrieren: Betrachten wir unsere Häuser als Orte, an denen Frieden wachsen kann. Wir möchten unsere Gemeinschaften einladen, sich inneren Spannungen zu stellen, Konflikten und alten Blockaden entgegenzutreten und sich auf Rituale der Vergebung und Versöhnung einzulassen.”
Diese Botschaft geht ganz sicher nicht nur intern an unsere eigenen Gemeinschaften. Bitte suchen auch Sie danach, welchen Beitrag Sie zum Frieden in unserer Welt leisten können. Der Friede beginnt im eigenen Haus!
Abt Nikolaus
Gedanken zum Advent (Dezember 2023)
Meist zeigt sich hinter den Türchen eines Adventkalenders ein Bild, ein Stück Schokolade oder sonst etwas Süßes. Jeden Tag eine Überraschung, in Vorfreude auf das Weihnachtsfest.
Im hinteren Bereich der Schottenkirche steht heuer wieder der „verkehrte Adventkalender”. Vielleicht sollte man besser sagen: der „umgekehrte Adventkalender”. Jedenfalls gibt es in diesem Adventkalender nichts zum Rausnehmen, stattdessen jedoch konkrete Anregungen zum Reingeben. Für jeden Tag ist ein Anliegen formuliert, eine Not dargestellt, ein Hilferuf für Menschen in Not aufgeschrieben…
Überraschend ist dabei nur weniges. Inmitten der bedrängenden Unsicherheiten der „großen Welt” ist es jedenfalls nicht verkehrt, an die Unsicherheiten vieler im eigenen Land zu denken. Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, die die Heizung nicht bezahlen können, die ihren Kindern kein regelmäßiges Essen bieten können…
Den Anspruch, die großen Probleme der Welt lösen zu können, erhebt derzeit (leider?) ohnehin niemand. Aber so ganz machtlos sind wir auch wieder nicht. Konkrete Hilfe ist möglich. Daran erinnert der „verkehrte Adventkalender“.
In der Geburt Jesu hat auch Gott nicht alle Probleme der Welt mit einem Paukenschlag gelöst. Jesus, der von Anfang an mit der Brüchigkeit menschlichen Lebens vertraut war, ist der Bruder all jener geworden, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes. Er hat sich nicht gescheut, das „Verkehrte” dieser Welt anzusprechen. Letztlich jedoch waren seine Worte und seine Taten getragen von einer großen Sicherheit: von dem unerschütterlichen Vertrauen in Gottes Liebe und Barmherzigkeit.
Diese Sicherheit aus dem großen Vertrauen in unseren Vater im Himmel, der die Welt nicht den Mächten der Finsternis überlässt, wünsche ich Ihnen für die Tage des Advents und für das heurige Weihnachtsfest!
Abt Nikolaus
Herbstliche Gedanken (Oktober 2023)
Es fällt mir schwer, herbstliche Gedanken zu formulieren, wenn in diesen Tagen (der zweiten Oktoberwoche!) ein prachtvoller Sommertag auf den nächsten folgt. Zum einen ist ein solches Wetter ein wunderbares Geschenk: In der Vorwoche begleitete ich eine Schülerklasse unseres Gymnasiums auf der Fußwallfahrt nach Mariazell. Die herrliche, vom Spätsommerlicht erleuchtete Landschaft zog uns alle in ihren Bann. Nicht auszudenken, wie die Stimmung der jungen Menschen, die zum Teil kaum Erfahrung mit längeren Wegstrecken zu Fuß hatten, hätte kippen können, wenn wir uns vier Tage durch Wind und Regen durchkämpfen hätten müssen.
Auf der anderen Seite wissen wir alle, dass es für ein gutes Gedeihen nicht nur die Sonnentage braucht, sondern auch den Regen. Nicht nur die warmen, strahlenden Zeiten, sondern auch die nebligen, trüben. Darin sind wir Teil der Natur. Jeder von uns braucht Tage der Stille, des Sich-Zurückziehens, des Loslassens. Es ist gut, wenn wir, wie ein Baum, manches fallen lassen können, was im Laufe des Jahres gewachsen ist.
In vielen Gemeinden wird in diesen Tagen Erntedank gefeiert. Auf der Wallfahrt nach Mariazell durften wir für eine Abendmesse eine Kirche benutzen, in der bereits die Erntekrone für den darauffolgenden Sonntag aufgestellt war: zusammengebunden aus verschiedenen Getreidesorten, verziert mit herrlichen Blumen, bunten Früchten, Obst und Gemüse. Leuchtend stand sie vor dem Altar dieser kleinen Barockkirche einer Bauerngemeinde. Für uns wurde sie zum Sinnbild all dessen, was in unserem eigenen Leben an Buntem und Stärkendem gewachsen ist.
Daher auch die Frage an Sie: Wofür wollen Sie Gott in diesem Herbst danken? Worin erkennen Sie die Früchte Ihrer Mühen?
Das Geschenk des Glaubens besteht darin, unseren Dank, wie auch unsere Bitten, nicht ins Leere laufen lassen zu müssen. Wie schön ist es, Gott Danke sagen zu dürfen für alles Wertvolle. Vielleicht auch, wie im klösterlichen Stundengebet, mit den uralten Worten der Psalmen.
Abt Nikolaus Poch
Vom Wert der Unterbrechung (Juni 2023)
Vor Jahren sah ich Menschen über das Wasser gehen. So wie damals Jesus, als er den in Not geratenen Jüngern zu Hilfe kam. Sehr verwundert fragte ich mich, wie das möglich sei – bis ich das Brett sah, auf dem sie standen, und das Paddel, mit dem sie sich weiterbewegten.
Mittlerweile bin ich selber begeisterter stand-up-Paddler und freue mich, diesen Sommer wieder meiner neuen Leidenschaft nachgehen zu können.
Auf einem Boot oder eben einem Board über das Wasser zu gleiten, die gleichmäßigen Schläge der Ruder zu hören, das leise Rauschen der Wellen; die Sonne, der Wind, die frische Luft: das ist für mich der Inbegriff des Urlaubs, des Ausspannens, der Erholung.
Wieder zur Ruhe zu finden, die Anspannung der vergangenen Monate hinter mir zu lassen, die Routine der Alltagsgeschäfte zu unterbrechen: wie gut tut das – und wie wichtig ist das für die eigene Kreativität.
Die Bibel berichtet schon in ihren ersten Kapiteln vom Wert der Unterbrechung. Die erste Schöpfungsgeschichte der Bibel endet mit einer Selbstunterbrechung Gottes: Nach sechs Tagen, in denen er so vieles erschaffen hat, hält Gott inne, um auszuruhen, um zurückzublicken („siehe, es war sehr gut“) und vorwärts zu schauen.
In dieser Unterbrechung Gottes liegt eine tiefe Weisheit: Das schöpferische Handeln braucht das Innehalten, um zum Ziel zu kommen. Es braucht die freien Zeiten, um wieder neu aufbrechen zu können. Um körperlich und geistig zu regenerieren. Um mit Abstand über das Leben nachzudenken und offen zu werden für neue Pläne.
So wünsche ich Ihnen allen, dass Sie Ihre eigene Art der Erholung finden – erfüllt von Gottes Größe und Herrlichkeit.
Abt Nikolaus Poch OSB
Weihnachtsgruß von Abt Nikolaus (24. Dezember 2022)
Unter den vielen Krippendarstellungen, die mir in den vergangenen Wochen begegnet sind, gefällt mir diese besonders. Sie stammt von der Tochter eines Schulfreundes: Philippa hat sie (letztes Jahr bereits) im Kindergarten im wahrsten Sinne des Wortes mit Händen und Füßen „gemalt” – eine, wie ich finde, geniale Idee!
Ich kann mir gut vorstellen, mit welcher Begeisterung sich das Mädchen Farbe auf die Hände und Füße geschmiert hat. und wie schließlich Schritt für Schritt mehr von dem Motiv der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem sichtbar wurde: Ochs und Esel mit den Händen, Josef, Maria und der Engel jeweils mit Füßen. Im Zentrum das Kind in der Krippe, darüber der Stern. Sehr nett!
Mittlerweile habe ich bei mehreren Personen den freudigen Überraschungseffekt miterlebt, als sie – zeitverzögert nach mehreren Blicken – erkannt haben, was man mit Händen und Füßen alles machen kann. Für mich drückt dieses Bild jedenfalls eine große Freude aus.
Im zweiten Korintherbrief schreibt der heilige Paulus: „Wir wollen nicht Herren über euren Glauben, sondern Diener eurer Freude sein, weil wir fest im Glauben verwurzelt sind!“ (2 Kor 1,24)
Die Freude scheint mir eine ganz wesentliche Dimension der christlichen Botschaft gerade in unseren Tagen zu sein: Coronakrise, Klimakrise, Wirtschaftskrise, Krieg in der Ukraine… kaum schlägt man die Zeitung auf, kaum drehen wir Radio oder Fernseher auf oder schauen ins Internet, werden wir überflutet mit katastrophalen Nachrichten. Dieser Dynamik kann man sich kaum entziehen – tatsächlich wäre es unverantwortlich, Augen und Ohren zu verschließen vor den großen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht.
Zugleich aber erscheint es mir extrem wichtig, sich offene Sinne zu bewahren für das Schöne und Gute, das es in unserer Welt gibt. Für das Wunderbare dieser Schöpfung. Als Christ sage ich darüber hinaus: für die große Freude, die Gott uns in Jesus Christus schenken will. Für die frohe Botschaft der Liebe Gottes, die alles Dunkle zu erhellen vermag.
Das Leben des Jesus von Nazareth ist gleichsam die Liebeserklärung Gottes an uns Menschen. Seine Geburt ist die Erfüllung einer uralten Verheißung: Immanuel – Gott mit uns.
Damit jedoch das Weihnachtsevangelium nicht nur eine nette Geschichte von vor zweitausend Jahren bleibt, braucht es unsere Hände und Füße – auch das macht diese Krippendarstellung sichtbar. Unsere Phantasie ist gefragt, unsere Intelligenz, unsere Kreativität, unsere Bereitschaft, unsere Treue, sicher oft auch unsere Mühe, uns für die göttliche Botschaft einzusetzen.
Immer wieder erstaunlich finde ich, dass jeder Mensch einen unverwechselbaren Fingerabdruck hat. und ganz eigene Hände. Wir sind nicht einfach Massenware, Klone: jeder ist ein Original. Dadurch gewinnt auch die Botschaft von der Menschwerdung Gottes unendlich viele Facetten in der Unterschiedlichkeit derer, die an ihn glauben.
In diesen Tagen wünsche ich Ihnen/euch zum einen, dass ihr selbst ganz von der Freude des Weihnachtsfestes durchdrungen werdet. und zum anderen, dass ihr erkennt, wie ihr selbst dazu beitragen könnt, diese Freude Gestalt werden zu lassen. Mit euren Händen und euren Füßen, Körper und Geist, mit Phantasie und Freude, mit eurer ganzen Persönlichkeit!
Abt Nikolaus
„Wie schön, dass du geboren bist…“
Zu Beginn der Quadragesima, der 40 Tage vor dem Osterfest, treten die Christen am Aschermittwoch nach vor, um das Zeichen des Aschenkreuzes zu empfangen. Gebrechliche Menschen, von Krankheiten gezeichnet, stehen in einer Reihe mit Menschen im blühenden Jugendalter. Menschen am Stock zwischen solchen mit blinkenden Turnschuhen. Ganze Familien in einer Reihe mit Alleinstehenden. Nachdenkliche mit Übermütigen …
Ja, das vereint alle: dass unser Leben – früher oder später – ein Ende haben wird. „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist, und wieder zu Staub zurückkehrst.“
Zu Beginn der Vorbereitungszeit auf das Fest der Auferstehung Jesu schauen wir im Bild der grauen Asche der sichersten Tatsache unseres Lebens ins Auge: Dass wir sterbliche Geschöpfe sind. Niemand von uns wird dem Tod je entrinnen können. Jeder von uns wird sterben. Lediglich der Zeitpunkt ist ungewiss.
Was wir im Alltag meist erfolgreich verdrängen, wird uns mit diesem Zeichen in aller Deutlichkeit bewusst. und verweist damit auf die Kostbarkeit unserer Lebenszeit. Auf die Bedeutsamkeit des gegenwärtigen Augenblicks. Auf die Tiefe all unserer Entscheidungen.
Mit dem Wissen um unsere Begrenztheit, in Unsicherheit und mit unseren Ängsten, gehen wir dem Osterfest entgegen. Zugleich mit dem Auftrag in Freiheit das eigene Leben zu gestalten. und mit der Zusage des Glaubens, dass die Bewegung der Auferstehung Jesu, vom Tod in das Leben, unsere eigene Existenz umfasst. Ostern: das Fest der Erlösung. Das Fest des Lebens, das stärker ist als der Tod.
„Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst“, singen die Kinder im Kindergarten, wenn eine/r von ihnen Geburtstag hat.
Ich glaube fest, dass auch Gott jedem von uns dies zusagt. und dass diese Botschaft durch das Zeichen des Aschenkreuzes nicht zurückgenommen, sondern – ganz im Gegenteil – im wahrsten Sinne des Wortes „unendlich“ vertieft wird: Wir endliche Geschöpfe in unserer brüchigen Existenz – von Gott unendlich geliebt und zum Leben gerufen!
Abt Nikolaus
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