Eindrücke vom job shadowing an der Schule der irischen Glenstal Abbey im Februar 2025
Glenstal Abbey liegt in einer malerischen Landschaft, umgeben von 500 Hektar Wald und Feldern im Südwesten der irischen Insel, vom Flughafen Dublin mit dem direkten Autobus drei Stunden entfernt. Auf dem weitläufigen Territorium befindet sich die Abtei in den ehemaligen Stallungen eines Schlosses, das englische Adelige 1830 im mittelalterlichen Stil erbaut hatten. In den historischen Gebäuden und im neuen, modernen Trakt sind die Klassenräume mit großen Fenstern zum Wald eingerichtet. Die ausgedehnte Sportwiese mit Tennisplatz ist neben der Schule gelegen.
Die Atmosphäre der Schule ist von modernen Unterrichtsmethoden in Klassen von 10 bis 18 Schülern, dem benediktinischen geistlichen Hintergrund und der Landschaft mit den historischen Gebäuden geprägt.
Die Schüler stammen vor allem aus Irland und anderen englischsprachigen Ländern. Einer der 4 unterrichtenden Mönch Pater William Fennelly OSB erklärte mir, dass Europareisen unter Schülern populär sind. Sie geben den Schülern die Möglichkeit, den anglo-amerikanischen Raum zu verlassen und Europa auf dem Festland, seine Geschichte und Kultur kennen zu lernen. Er fährt 2025 mit Schülergruppen nach Prag und nach Pannonhalma, wohin Schulpartnerschaften eingerichtet worden sind.
Daniela Leahy ist Deutsch- und Englischlehrerin an der Klosterschule und koordiniert das Erasmusprogramm. Sie ist aus Ulm gebürtig, in Irland verheiratet und hatte selbst ein Erasmusstipendium. Sie erzählte mir von den Partnerschaften mit den Benediktinerschulen Münsterschwarzach, St. Ottilien und Meschede in Deutschland, die schon mehrere Jahre erfolgreich laufen. In ihrer Englischklasse sitzen zurzeit drei Österreicher, die entweder ein Semester, ein Schuljahr oder ihre ganze Schulzeit in Glenstal verbringen.
Als ich am ersten Tag, Dienstag, dem 4.2.2025 vom Kloster in die Schule ging, wurde ich bei der Assembly in der Festhalle freundlich als Gast aus Österreich begrüßt. Dort versammeln sich jeden Tag um dreiviertel neun alle Schüler (man darf sich übrigens bei irischen Zeitangaben nicht verwirren lassen, wenn „half nine“ halb zehn und nicht halb neun bedeutet). Schüler oder Lehrer oder auch der Direktor halten kurze Reden über das Programm der Woche, den Tagesheiligen oder Sportveranstaltungen und Reisen, an denen sie teilnehmen. Abgeschlossen wird die Assembly von 10 bis 15 min mit einem Gebet.
In Glenstal Abbey Secondary School unterrichten 30 Lehrer etwa 200 Schüler, von denen 170 in der Boarding School leben. Sie wohnen im Schulgebäude in Zimmern mit 8 Betten. Für manche ist es eine starke Umstellung, aber diese Gemeinschaft formt den Charakter. Freundschaften entstehen für das ganze Leben. Viele halten noch als Absolventen Kontakt mit ihrer ehemaligen Schule und fördern sie. Man überwindet in der Gruppe Schwierigkeiten und verbringt gemeinsam die Freizeit. Das Leben in der Boarding School lässt bewusst Zeit zur persönlichen Beschäftigung. Die Schüler können „clubs“ besuchen – Sport, Musik, Theater, Debattieren, Kunst – oder sich zurückziehen. Am Sonntag feiern sie gemeinsam die Hl. Messe. Die Boarding School wird von „housemasters“ beaufsichtigt, das ist pädagogisches Personal, keine Mönche des Klosters. Die angebotenen Sportarten sind vielfältig, und es ist gewünscht, dass Schüler möglichst viel Sport betreiben: Tennis, Rubby, Fußball, Konditionstraining mit Geräten, keltische Sportarten, Schwimmen, Golf, Klettern.
Im irischen Schulsystem ist die angestammte Kultursprache des Landes, die aber wenig gesprochen wird, ein Pflichtfach: Gaelic, das ist Keltisch. Der Hl. Patrick und andere Mönche brachten im 5. Jh. den christlichen Glauben zu den Kelten, die ihre Sprache auch nach der Invasion der Wikinger aus Norwegen/Dänemark im 8. Jh. und der Normannen aus Frankreich und England in 12. Jh. behielten. Bis heute bewahren Familien in ihrem Bewusstsein, wer keltische, normannische oder anglosächsische Wurzeln hat. Cromwell und das britische Parlament unterwarfen Irland im 16. Jh., nachdem die keltischen Landesfürsten im Bürgerkrieg den König unterstützt hatten. Katholiken konnten ihren Glauben nicht mehr praktizieren, nahezu alle Klöster wurden geschlossen. Ende des 18. Jh. entspannte sich die Situation für die überwiegend katholische Bevölkerung. Nach den Unabhängigkeitskämpfen in der Folge des Ersten Weltkrieges wurde Irland 1921 unabhängig.
In diese Zeit fällt die Gründung des Klosters Glenstal 1927 in dem verlassenen Schloss, wo heute noch Schule und Konvent untergebracht sind. Die ersten Mönche kamen aus Maredsous in Belgien. Dort hatte der berühmte Abt Columba Marmion schon lange von einer Gründung in Irland geträumt. Er war selbst Ire, trat aber in Belgien in ein Kloster ein, weil es keine irischen Benediktinerklöster mehr gab. So lebte die benediktinische Tradition wieder auf, die Arbeit, Gebet und das geistige Wachsen den Menschen miteinander verbindet.
Als ich am ersten Abend zum Essen meinen Platz in Refektorium des Klosters einnahm, sagte Abt Columba McCann mit einem Lächeln zu mir: „Welcome home.“ Er meinte nicht nur, dass man sich als Mönch in jedem Kloster zu Hause fühlen kann, sondern erinnerte auch daran, dass das Schottenstift vor 870 Jahren von irischen Mönchen gegründet worden war. Herzog Heinrich Jasomirgott schätze ihre Bildung, Disziplin und Frömmigkeit, als er 1155 die Schottenabtei stiftete.
Diesen Geist spürt man im Konvent der 26 Mönche von Glenstal Abbey, von denen die Hälfte an verschiedenen Universitäten Europas studiert hatte. Einige Mönche sprachen mich auf Deutsch an. Am letzten Tag meines Aufenthaltes kam ein junger Mönch aus Kairo zurück, der dort Arabisch und Islamistik studiert. Ein älterer Mönch erzählte mir in blendendem Deutsch von den österreichischen Austauschschülern, die 2008/09 aus dem Schottengymnasium nach Glenstal gekommen waren. Er drückte die Hoffnung aus, dass diese Kontakte wieder aufleben würden. Die Erasmuskoordinatorin Daniela Leahy, die mir ein Interview für Youtube („russischlehrer“) und TikTok („russischpater“) gab, zeigte unterschiedliche Möglichkeiten auf, die sich gut mit dem irischen Schulsystem verbinden lassen.
Glenstal Abbey betreibt eine Secondary School von Schülerin im Alter von 12-18 Jahren. Das Schuljahr erstreckt sich von Ende August bis Ende Mai, weil im Juni Abschlussprüfungen für die mittlere Reife und die Reifeprüfungen stattfinden. Das irische Schulsystem beinhaltet eine Primary School für das Alter von 6-12 Jahren (auch die 4- und 5-jährigen werden schon als Schüler „Infants“ bezeichnet). Die Secondary School besteht aus drei Teilen: Junior Cycle 12-15 Jahre, Transition Year im 16. Lebensjahr und Senior Cycle 17-18 Jahre mit Abschlussprüfungen. In den letzten beiden Jahren entscheiden sich die Schüler für 6-7 Fächer und legen darin die Reifeprüfung ab. Das Transition Year („Übergangsjahr“, TY) ist eine Besonderheit des irischen Schulsystems. Es gibt die Möglichkeit für eine stärkere Ausrichtung auf Persönlichkeitsbildung und Entscheidungsfindung für die zwei Abschlussjahre im Senior Cycle. Glenstal Abbey bietet für das TY ein vielfältiges Programm, das von einer jungen Lehrerin koordiniert wird. Dafür ist ein Tag in der Woche reserviert: Entwicklung von Führungsqualitäten, kreative Einheiten, Naturerlebnisse, handwerkliche Beschäftigung, Führerscheintraining. An den anderen Tagen erfolgt der Unterricht wie gewohnt. Außerdem werden die Schüler zu Projekten wie mehrwöchiger Berufspraxis oder Auslandsaufenthalten in Form von Praktika oder Sprachreisen bzw. Schüleraustauschprogrammen eingeladen.
Für die irischen Schüler wäre ein Aufenthalt in Österreich gerade in diesem Jahr zielführend. Daraus ergeben sich für Schüler des Schottengymnasiums abgesehen von Schülergruppenreisen mehrere Möglichkeiten deinen Aufenthalt in der Secondary School von Glenstal Abbey zu absolvieren.
- individueller Schüleraustausch: ein irischer Schüler kommt in eine österreichische Familie für z.B. 2-3 Wochen und besucht den Unterricht im Schottengymnasium. Der Schüler dieser Familie verbringt 2-3 Wochen in der Schule Glenstal Abbey entweder in der Boarding School oder bei einer Gastfamilie. Wer die österreichischen Ferien dafür nützen will: Die irischen Semesterferien beginnen erst zwei Wochen nach den Wiener Ferien, wenn in Irland schon der Frühling einsetzt. Eine mögliche Variante: der Österreicher fährt zu Jahresbeginn oder Semesterschluss nach Irland, der Ire kommt nach Ostern.
- individuelle Schulaufenthalt in Glenstal Abbey für mehrere Wochen, Monate oder ein ganzes Jahr.
- Wechsel nach Glenstal Abbey und Abschluss an der irischen Schule.
Seit der „Erasmus+“-Akkreditierung des Schottengymnasiums im Frühjahr 2024 besteht die Möglichkeit, diese Auslandsaufenthalte finanziell zu fördern. Empfehlenswert ist es, sein Interesse bis Anfang Februar dem Erasmuskoordinator oder dem Direktor des Schottengymnasiums mitzuteilen, weil Mitte Februar das Erasmusbudget eingereicht wird. Das Projektjahr reicht vom darauffolgenden Juni bis Ende August des Folgejahres. Auch wenn die Frist versäumt wurde, kann aus den Budgetmitteln von Erasmus+ gefördert werden. Das Ziel von Erasmus+ ist es, möglichst vielen Schülern einen Auslandsaufenthalt an einer Schule in der Europäischen Union zu ermöglichen. Irland ist Mitglied der Europäischen Union, aber nicht Teil des Schengenraums, was aber nur bei der Passkontrolle auf dem Flughafen bemerkbar wird. Das Schulgeld in Glenstal Abbey inklusive Unterkunft und Verpflegung in der Boarding School beträgt für ausländische Schüler derzeit ca. 26.000 EUR pro Jahr. Ein Schüleraustausch besteht auf Gegenseitigkeit ohne Schulgeldpflicht.
Mein einwöchiger Aufenthalt in Glenstal Abbey wurde von Erasmus+ finanziert. Lehrer und Schulpersonal haben die Möglichkeit, im Rahmen eines „job shadowing“ den Unterricht an der Schule zu besuchen, Unterrichtsmethoden und das Schulprogramm kennen zu lernen. Die Fächer, die ich besuchte, waren Wirtschaft, Musik, Geschichte, Gebäudekonstruktion und Tutor class (Persönlichkeitsentwicklung, Lern- und Organisationstechniken, Bewältigung des Schulalltags).
Der Kontakt zur Glenstal Abbey wurde dankenswerterweise von einer Mitarbeiterin der Irischen Botschaft vermittelt, die im letzten Jahr den St. Patrick’s Day im Schottenstift mitgefeiert hatte. Möglicherweise aufgrund des gestiegenen Interesses europäischer Schulen an Austauschprogrammen, hatten drei Schulen auf meine Anfrage gar nicht geantwortet. Ich empfinde es als eine erfreuliche Fügung, dass infolgedessen der Aufenthalt in Glenstal Abbey möglich wurde. Der Direktor der Schule Marius Carney und der Abt des Klosters zeigten sogleich ihr Interesse für eine Kooperation mit dem Schottenstift und dem Schottengymnasium.
Der strahlende Sonnenschein in diesen Tagen und die freundliche Atmosphäre in Kloster und Schule hinterlassen einen bleibenden Eindruck.
